Rezension: Petra Sauerzapf-Poser: Zu Gast im Dritten Reich

Olavi Paavolainen: Zu Gast im Dritten Reich. Rhapsodie

Das brisanteste politische Spektakel des vergangenen Jahrhunderts waren die Nationalsozialistischen Parteitage Hitler-Deutschlands in Nürnberg. Die Schilderungen der Situation im Deutschland der Dreißigerjahre des finnischen Schriftstellers und Modernismuskritikers Olavi Paavolainen (1903–1964) liegen nun erstmals in deutscher Übersetzung vor – genau 80 Jahre nach deren Veröffentlichung in Finnland. Insbesondere weil sie einerseits von Bewunderung verklärt, andererseits aber mit tiefen Zweifeln behaftet sind, sind Paavoleinens Beobachtungen höchstinteressant.


Buchbesprechung von Petra Sauerzapf-Poser

Olavi Paavolainen war bereits ein bekannter Schriftsteller in Finnland, als er im September 1936 auf Einladung der Reichsschrifttumskammer für einen längeren Studienaufenthalt nach Deutschland reist. Gemeinsam mit Autoren aus den anderen Nordischen Ländern wird auch ihm der rote Teppich ausgerollt. Er betritt das Deutsche Reich durch den Paradeeingang, nicht durch die Küchentür, als Gast der drei Jahre zuvor »gleichgeschalteten« Nordischen Gesellschaft, die in Travemünde ein Dichterhaus unterhält. Hier wird er, der Anfang der 20er Jahre die kulturkritischen Literatengruppen Tuulenkantajat (Fackelträger) mitbegründet hatte und mit Reportagen aus den europäischen Metropolen die neue Zeit nach Finnland holte, von den Nazis umworben. Hier wird allabendlich über die neue deutsche Literatur und Kultur diskutiert. Hier trifft er nationalsozialistische Politiker und Intellektuelle. Hier soll er das neue Deutschland kennenlernen. Und er lernt es mit ganzer Wucht kennen, als er zum Parteitag nach Nürnberg aufbricht. Seine Eindrücke und Erlebnisse fasst er in seiner Rhapsodie, so der Untertitel des 1936 in Finnland erschienenen Werks, zusammen. In seinem Vorwort an die Leser versichert er, kein Blatt vor den Mund nehmen zu wollen: „Ich erzähle nur, was ich selbst gesehen, gehört und erfahren habe«.

Paavolainen kann sich der Faszination des gigantischen Spektakels, das die Nationalsozialisten in Nürnberg aufziehen, keineswegs entziehen. Er ist voller Bewunderung für die gigantische Inszenierung der »Volksgemeinschaft« und des »Führermythos«, fasziniert von der Art, wie der Körperkult zelebriert und wie Politik nicht diskutiert, sondern »erlebt« wird. Doch bei alledem er ist auch abgestoßen, ja entrüstet. Ernste Zweifel kommen ihm, mit welcher Geringschätzung und Verachtung die Frau auf ihre Rolle als Gebärmaschine reduziert wird. Während er den Besuch in einem Arbeitslager in Schwartau noch als seine sympathischste Erinnerung an den Arbeitsdienst beschreibt, gehört zu seinen bedrückendsten Eindrücken der Drill und die Härte, die er in der Nähe von Nürnberg in einem Massenlager der Hitlerjugend kritisch konstatiert.

Paavolainens ambivalentes Buch ist das aufschlussreiche Zeugnis eines trotz seiner Jugend geübten Beobachters, das Einblicke in den Nationalsozialismus und seine Unmenschlichkeit gewährt. Bei seinem Erscheinen 1936 in Finnland wurde es, sicher wegen seiner Aktualität und Lebendigkeit, begeistert aufgenommen. Wie das deutschsprachige Publikum die 80 Jahre später verlegte deutsche Übersetzung wahrnehmen wird, und warum sie das tun sollte, bleibt abzuwarten.

Ein Wort zur Übersetzung. Es versteht sich von selbst, dass Übersetzer sich mit den von ihnen zu bearbeitenden Texten inhaltlich, kulturell und sprachlich auseinandersetzen müssen. Das scheint bei der vorliegenden Übertragung leider nicht durchgängig der Fall gewesen zu sein. Die Lesbarkeit und Textverständlichkeit wird dadurch stark beeinträchtigt. Die Holprigkeit hätte in jedem Fall durch ein sorgfältigeres Lektorat geglättet werden müssen.

Olavi Paavolainen: Zu Gast im Dritten Reich. Rhapsodie (Kolmannen valtakunnan vieraana, Otava 1975). Herausgegeben von Anssi Halmesvirta. Aus dem Finnischen von Rolf Klemmt. Acabus-Verlag 2016, ISBN: 978-3862824243, 272 S., 24,90 €

Petra Sauerzapf-Poser

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