Rezension: Petra Sauerzapf-Poser: Alter schützt vor Torheit nicht

Minna Lindgren: Whisky für drei alte Damen oder wer geht denn hier am Stock?

Alter schützt vor Torheit nicht: Drei uralte Freundinnen gründen eine WG

Ein Buch über beste Freundinnen, die trotz ihres hohen Alters weder ihren Humor noch ihren Sinn für das, was im Leben zählt, verlieren und einfach nur wollen, dass man sie so leben lässt, wie sie das gerne möchten.

Die aufgeweckten, sehr agilen Witwen Siiri, Irma und Anna-Liisa sind Nachbarinnen in der Seniorenresidenz »Abendhain«. Als das Haus renoviert wird und man die Bewohner mit Krach, abgestelltem Wasser und einer kalten Küche malträtiert, beschließen sie, übergangsweise eine WG zu gründen. Mit dem »Botschafter«, Anna-Liisas Ehemann, und einer weiteren Bewohnerin ziehen sie zusammen. Aber das WG-Leben hat so seine Tücken, und manche Marotten können zu großen Problemen führen. Vor allem, wenn erst nach und nach klar wird, wofür die Wohnung vorher genutzt wurde und wer dort alles verkehrte …

In diesem zweiten Buch von Bestsellerautorin Minna Lindgren rund um drei (ur)alte Freundinnen geht es wieder turbulent zu. Ein lustiges und ehrliches Buch über Freundschaft, Alter und die Tücken des Zusammenlebens.


Buchbesprechung von Petra Sauerzapf-Poser

Ach, da sind sie ja wieder, die munteren Freundinnen aus der Seniorenresidenz »Abendhain«. Ja, genau die – Siiri, Irma und Anna-Liisa.

Nach dem Erscheinen des ersten Romans von Minna Lindgren »Rotwein für drei alte Damen« hat der zweite Teil der Trilogie nicht lange auf sich warten lassen. Wieder wirft die Autorin einen Blick in unsere Zukunft, auf das Alter und das Älterwerden. Allein schon der Gedanke daran verursacht ein gewisses Unbehagen. Besser nicht darüber nachdenken. Dass der Lebensabend aber nicht gleichbedeutend sein muss mit Einsamkeit und Aufgabe der Selbstbestimmung und wie das Leben im Alter funktionieren kann, beschreibt die Autorin mit leichter und gespitzter Feder.

Hilflos, aber nicht tatenlos, müssen die drei vitalen Damen zusehen, wie ihr Zuhause in der Residenz im Renovierungschaos unterzugehen droht. Viele Alternativen, dem zu entfliehen, gibt es nicht, aber eine geniale Idee, die auch unverzüglich umgesetzt werden soll: die Gründung einer Senioren-WG. Mit Hilfe des Botschafters, Anna-Liisa spätem Glück, können sie vorübergehend ins Zentrum der Stadt übersiedeln. Zwar ist die Wohnung in Hakaniemi so geräumig, dass mit Margit, sogar eine weitere Heimbewohnerin mit einziehen kann, aber die Einrichtung wirkt etwas ungewöhnlich. So wundern sie sich, dass über allen Betten große Spiegel hängen, im Fernsehen neuerdings freizügige Filme laufen und mitten im Wohnraum diese seltsame Queen of Fucking-Schürze liegt (diese seltsame Tanzstange aufgestellt ist), aber sie nehmen es mit Humor. Denn für sie gibt es Wichtigeres, nämlich das Leben mit seinen guten und weniger guten Tagen. Während Siiri mit ihren neuen Bekannten Muhis und Metukka aus Afrika in der Küche neue Rezepte ausprobiert, experimentiert Irma an ihrem neuen iPad herum und gönnt sich zuweilen mit dem Botschafter einen Whisky, oder auch zwei. Derweil muss sich Anna-Liisa um das ständig wechselnde und überforderte Personal vom Pflegedienst kümmern, das eigentlich engagiert worden ist, um ihr zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Und Margit »nervt« ihre Mitbewohner permanent mit Fragen über Sterbehilfe, weil sie für ihren an Demenz leidenden Mann nach einer Möglichkeit sucht, in Würde gehen zu dürfen. Gerade bei diesem Tabuthema, begleitet Lindgren ihre Protagonistinnen mit besonderer Empathie. So wirkt eine die anrührende Szene lange nach, in der Siiri und Margit den Schwerkranken zu erlösen versuchen.

Minna Lindgren weiß, wovon sie schreibt. Sie hat die letzten Lebensmonate ihres Vaters intensiv miterlebt und die Verhältnisse im finnischen Gesundheitswesen sehr genau kennengelernt. Ihre Erfahrungen sind in der finnischen Zeitung Helsingin Sanomat in einem großen Artikel erschienen, der ihr nicht nur den renommierten Bonnier Journalistenpreis, sondern ein überwältigendes Feedback einbrachte. Die vielen Telefonate und Briefe zeigten nämlich, dass sie einen wunden Punkt berührt hatte, der zudem genügend Stoff für diese lesenswerte Romanreihe geliefert hat. Zu Dieser Lektüre darf man sich gern auch einen guten Tropfen gönnen. Zum Wohl und auf das Leben!

Minna Lindgren: Whisky für drei alte Damen oder wer geht denn hier am Stock? (Ehtoolehdon pakolaiset, Teos 2014, Helsinki), Übersetzung: Niina und Jan Costin Wagner, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, ISBN 978-3-462-04915-2, 14,99 €

Petra Sauerzapf-Poser

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