Pajtim Statovci: Bolla

(Rezension aus DFR 206/2025)

Pajtim Statovci: Bolla

Bolla ist kein erbauliches Buch. Es ist so schrecklich wie die Abgründe in den Seelen von Menschen, wie Krieg und Zerstörung, und wie vor allem der Bürgerkrieg in Bosnien und Kosovo in den 1990-er Jahren. Es ist aber auch so wahrhaftig in seiner Beschreibung dessen, was Krieg, Hass, Gewalt und Traumatisierung aus Menschen machen können, wie aber auch Menschen aus Hass, Machtstreben, Gleichgültigkeit und fehlender Empathie heraus Krieg, Gewalt und Destruktion in die Welt bringen, dass es Leser und Leserin recht beklommen zurücklässt.

Statovci, selbst kosovarischer Herkunft, aber bereits mit zwei Jahren mit seinen Eltern nach Finnland gekommen, weiß aus familiärer Erfahrung, worüber er schreibt. Und das Herkunfts-Thema lässt ihn nicht los: Bolla ist sein dritter von vier Romanen, die sich mit Geschehnissen und Erinnerungen rund um das ehemalige Jugoslawien auseinandersetzen (Erstling: Meine Katze Jugoslawien). Bolla trägt den Finlandia-Literaturpreis.

Statovci ist geschätzt für seine Fähigkeit, sprachlich und dramaturgisch die ganze Brutalität schlimmsten Leids und schrecklicher Taten, den zarten Zauber schöner Augenblicke und mythologische Elemente und Parabeln nebeneinanderzustellen und zu entwickeln. Das ist hohe Kunst des Autors, der in Helsinki Literatur­wissenschaft und Drehbuchschreiben studiert hat und dort an der Universität auch arbeitet. Bolla übrigens, den Titel, verleiht die albanische Mythologie: Es ist ein Drachenwesen, Symbol des Bösen, das einmal im Jahr am Georgstag erwacht und den ersten Menschen, der es sieht, verschlingt. Ins Buch baut Statovci die Figur in der Geschichte eines blinden Mädchens ein, das Bolla ja nicht sehen kann und auf diese Weise verschont wird –ein sich letztendlich nicht erfüllendes Hoffnungsmotiv für die Protagonisten des Buches.

Arsim, die albanische Hauptfigur, Ehemann und früh Vater werdend, trägt neben seinem lange unerfüllt bleibenden Wunsch, Schriftsteller zu werden, und dem Leben in unsicheren Zeiten eine weitere Last: Er verliebt sich nicht nur in einen Mann, eine zu der Zeit unerwünschte Neigung in der Gesellschaft, er verliebt sich in einen serbischen Mann, Miloš, einen Medizinstudenten. Das macht die Beziehung doppelt gefährlich, die Liebe zwischen definierten Feinden ist zum Verheimlichen und letztlich zum Scheitern verurteilt. Ihre getrennten Wege führen in Flucht, häusliche Gewalt und Kriminalität einerseits, zu Fronteinsatz und Krieg andererseits. Es gibt keine Heilung. Keiner der Protagonisten ist Identifikationsfigur oder reiner Sympathieträger, bei allem Verständnis für situatives Handeln – sowohl Miloš als auch Arsim und Ajshe, seine zunächst eher farblos und unterwürfig angelegte Frau, treffen uns mit der ganzen Wucht ihrer Ambivalenz. Arsim agiert als Ich-Erzähler, Miloš zeigt sich in kursiv gedruckten, tagebuch­artigen Einträgen, in einem anderen Duktus – ein spannendes Stilmittel. Stefan Moster ist wieder einmal eine Bank als Übersetzer.

Pajtim Statovci: Bolla. Samaan virtaan. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Luchterhand 2025. 288 Seiten. ISBN 978-3-630-87650-4. 22 Euro

Jessika Kuehn-Velten

Quelle: Deutsch Finnische Rundschau 206/2025

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