Martta Kaukonen: Traumatisiert

(Rezension aus DFR 205/2025)

Die in Kuopio geborene und in Helsinki lebende finnische Filmkritikerin und Autorin Martta Kaukonen legt mit Traumatisiert den zweiten Band einer Psychothriller-Reihe um die Protagonistin Ira vor, eine mehrfach schwer traumatisierte junge Frau. Der erste Band, Therapiert, schaffte auf Anhieb den Einstieg in die SPIEGEL-Bestsellerliste. In beiden Bänden kommen in kurzen Sequenzen die Sichtweisen, Erfahrungen, Identitäten, Visionen und seelischen Beschädigungen der Protagonist*innen zu Wort – im vorliegenden Buch sind es Ira, ihr Vater Arto und die kurz vor der Pensionierung stehende Polizistin Kerttu, die eigentlich keinen neuen Fall mehr aufnehmen möchte, aber ihn aufgedrückt bekommt.

Was sie verbindet? Eine Serie von brutalen Morden an Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben und die kaum von Angehörigen und Freunden vermisst werden – und das Tagebuch eines Mörders oder einer Mörderin, das weiteres Unheil in Aussicht stellt. Traumatisierung – das bedeutet für die Betroffenen oft, dass das „Dort und damals“, also die Zeit des Traumaerlebens, und das „Hier und Jetzt“ verschwimmen, dass die Verankerung in der Wirklichkeit unsicher ist. Und damit genau spielt das Buch von Kaukonen: Die Leser*innen wissen lange Zeit nicht, welche Erzählungen und Berichte stimmen, welche Identitäten die Personen einnehmen, was Dissoziation und was Persönlichkeit ist. Das macht Kaukonens Roman verstörend und schafft eine Ambivalenz zwischen Faszination und Abwehr, die genauso gewollt ist.

Vier Jahre ist es her, dass Ira eine Therapie gemacht hat, um ihre Traumata zu verarbeiten – statt einer Heilung sind neue seelische Verletzungen entstanden. Sie lebt nun mit ihrem Vater zusammen, beide arbeiten als Reporter bei einer Zeitung. Arto ist verstrickt in eine Suchtgeschichte, in Schuldgefühle und Sorge um seine Tochter. Wer vermutet wen als Mörder*in, wer lässt Gewaltfantasien Fantasie sein oder Realität werden? Wie hält Kerttu jenseits ihrer eigenen Traumata die Spur? Kaukonens Auflösung nach vielen Wendungen ist überraschend und unvorhersehbar – für Leser*innen, die nicht so vertraut mit Traumatisierung sind, eine richtige Herausforderung.

Martta Kaukonen: Traumatisiert (Originaltitel: Hengissä; Übersetzung: Gabriele Schreyer-Vasara), Heyne 2025., 272 S., ISBN 978-3-453-42710-5. ,16 Euro

Jessika Kuehn-Velten

Quelle: Deutsch Finnische Rundschau 205/2025

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