(Rezension aus DFR 205/2025)
Gleich zu Beginn des russisch-schwedischen Krieges 1808 nahmen russische Truppen Helsinki ein. Die als unbesiegbar geltende Festung Suomenlinna, damals Viapori, ging an die Russen, die anschließend ganz Finnland besetzen konnten. Diese Niederlage begründete das Ende der 600-jährigen schwedischen Herrschaft und den Beginn der Unterwerfung Finnlands unter die Herrschaft von Zar Alexander I.
Die Offiziere, unter ihnen auch der Festungsmajor Gustaf von Hauswolff, werden gefangen genommen. Zu dieser Zeit ist seine Tochter Adelaide 19 Jahre alt. Seit der Trennung ihrer Eltern und Neuverheiratung der Mutter lebt sie bei ihrem Vater. Hätte Adelaide nicht beschlossen, ihren Vater aus freien Stücken in die Verbannung nach Nowgorod zu begleiten, und hätte sie nicht ein Tagebuch über ihre Zeit in Russland geführt, wüssten wir fast nichts über sie. Nicht einmal ein Foto von ihr oder ihrem Vater ist der Nachwelt erhalten geblieben.
Weil sie nicht sicher sein kann, ob ihre Briefe die Heimat erreichen, verspricht sie ihrer Freundin Jeanette von Törne, sorgfältig Tagebuch zu führen. Dieses Reisetagebuch sollte sich als historisch einzigartiges Zeugnis über den Finnischen Krieg 1808-1809 erweisen.
Am 18. Juli 1808 macht sich also eine „Gefangenenkarawane“, mit der Adelaide ihr bisheriges Leben hinter sich lässt, aus Helsinki in die Verbannung auf. 19 Tage wird es dauern, bis sie das etwa 600 Kilometer entfernte Nowgorod erreicht. Die Reise ist lang und beschwerlich und führt über holprige Straßen und Wege. Für Adelaide, die kein Russisch spricht, ist jede Unterhaltung mit den Russen eine Anstrengung. Aber sie klagt nicht. Die Bedingungen, denen sich die adligen Offiziere ergeben müssen, entsprechen zudem nicht im entferntestem unseren heutigen Vorstellungen von Kriegsgefangenschaft. In Adelaides Aufzeichnungen findet sich hierzu nämlich nichts. Vielmehr beschreibt sie Besuche bei örtlichen Adligen und Honoratioren, bei denen man zu Abend isst. Sie tanzt auf Bällen und geht ins Theater, macht Einkäufe und flaniert durch Parks, besichtigt Kirchen und Paläste. Ihr bezauberndes Wesen öffnet ihr so manche Türen. Sie ist fasziniert von der Pracht St. Petersburgs. Die exotischen Tiere im Park des Taurischen Palais‘ – „Kängurus. Sie sind von graubrauner Farbe und haben ungewöhnlich lange Hinterbeine, die sie hauptsächlich zum Springen benutzen“ – hat sie allerdings selbst nicht gesehen. Hier bedient sie sich der Schilderung von Sofia Hjärne, ihrer geschätzten Reisebegleiterin und Vertrauten.
Das Anderssein, das Leben in einer für sie völlig fremden Welt, nimmt die junge Adlige aufmerksam wahr und hält ihre Beobachtungen des Alltags detailreich fest. Sehr akribisch widmet sie sich zum Beispiel der Beschreibung der schmucken Kleidung und Haarpracht der Kirchgängerinnen mit geschwärzten Zähnen und spottet: „Fast alle von ihnen sind fett, dumm, eingebildet, neugierig und ja, auch eingebildet.“ Andererseits schaut sie auch genau auf die Verhältnisse, in denen die russische Unterschicht lebt, und prangert die Lage der Leibeigenen an.
Die Verbannung endet eher als gedacht. Neun Monate nach dem Aufbruch in Richtung Osten treffen die von Hausswolffs am 30. März 1809 um ein Uhr nachts in Porvoo ein, wo Adelaide ihre Freundin Jeanette wiedersieht. Am 9. April erreichen sie Helsinki. Da Gustaf von Hausswolff als Offizier an der Kapitulation von Viapori beteiligt war, kann er nicht nach Schweden zurückkehren.
„Liebe Jeanette, habe ich nun mein Versprechen dir gegenüber eingehalten? Du warst es ja, die mich dazu überredet hat, ein Tagebuch über die Zeit meiner Reise zu führen. Ich bin deinem Wunsch gefolgt, als wäre es ein Gebot. Hier ist nun das Ergebnis in all seiner Unvollkommenheit.“
Das Manuskript des Tagebuchs, das nie für eine Veröffentlichung vorgesehen war, gelangte schließlich in die Königliche Bibliothek in Stockholm und wurde 1912 in verkürzter Fassung herausgegeben. 2024 erschien es zum ersten Mal in finnischer Sprache. Auf dieser Fassung beruht die Übersetzung ins Deutsche. Ein in der Tat außerordentlich bemerkenswertes und erhellendes Zeitdokument, das nun auch für das deutschsprachige Publikum erschlossen worden ist.
Adelaide von Hausswolff: Verbannt nach Russland. Reisetagebuch 1808-1809 (Päiväkirja sotavankivuosiltani Venäjällä 1808-1809, SKS 2024). Aus dem Finnischen von Gerald Wantzlöben. BoD 2025, 250 Seiten, ISBN: 978-3769368710, 24,99 Euro.
Petra Sauerzapf-Poser