(Rezension aus DFR 203/2024)
Die Mutter ist schon los in Richtung Schweden, die Tochter soll das Vieh hinterhertreiben. Gemeinsam mit anderen Jugendlichen ist sie unterwegs, aus Lappland auf der Flucht vor dem Krieg. Es ist die Perspektive des jungen Mädchens, aus dessen Blick Rosa Liksom uns diese Geschichte vom Ende des Kriegs in Lappland erzählt. Menschen und Tiere werden verschoben wie Dinge, die größte Grausamkeit ist die Willkür der Geburt auf der einen oder der anderen Seite des Stroms.
Das Mädchen findet seine Mutter wieder, wird im Laufe des Buchs erwachsen – wenn sie es nicht von Beginn an war. Seite um Seite gehen wir mit ihr, erleben die große Sehnsucht nach dem Zuhause und die große Frage nach einem Mehr. Ruhig und gelassen erzählt sie, ihr Blick auf die Welt ist von naturphilosophischen Betrachtungen geprägt, liebte sie es doch, mit ihrem Onkel die Sterne zu betrachten. Fast lernen wir mehr über die Kühe als über die Menschen und vielleicht sagt das am allermeisten aus. Und so überrascht das Ende auf eine Art, auf eine andere nicht: Lappland ist nach dem Krieg nicht mehr das, was es vorher war und Ankommen bleibt eine schwierige Frage.
Rosa Liksom ist hier ein bewegendes, ein ruhiges wie aufrührendes Buch gleichermaßen gelungen. Facettenreich beschreibt sie die Charaktere, das Auf und Ab der Flucht und die Kunst der Solidarität, die immer irgendwann zu brechen scheint.
Rosa Liksom: Über den Strom (Väylä). Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Penguin 2024. ISBN: 978-3-328-60263-7. 24 Euro
Saskia Geisler
Quelle: Deutsch Finnische Rundschau 203/2024