(Rezension aus DFR 203/2024)
Pirkko Saisio, Schriftstellerin, Regisseurin, Drehbuchautorin, Schauspielerin, gilt nicht nur als eine der produktivsten Künstlerinnen Finnlands. Sie wird als Ikone der finnischen Kulturszene gefeiert. Bereits sechsmal wurde sie für den Finlandia Preis nominiert, den sie schließlich 2003 für ihren Roman Das rote Buch der Abschiede bekam. Dieser bildete den Abschluss ihrer autofiktionalen Trilogie, die der Klett-Cotta-Verlag in umgekehrter Reihenfolge der deutschsprachigen Leserschaft präsentiert. Aber die Reihenfolge spielt keine Rolle, denn im Grunde geht es darum, wie Saisio zu Saisio wurde und was sie dazu brachte, Schriftstellerin zu werden.
Das vorliegende Buch schildert einen Zeitraum von vier Tagen, in dem der plötzliche Tod des Vaters Kindheitserinnerungen der Ich-Erzählerin auslöst.
Saisio wurde 1949 zwar in ein kommunistisch geprägtes Elternhaus hineingeboren, aber dennoch getauft. Der Vater arbeitete bis zur Rente in der finnisch-sowjetischen Gesellschaft, die Mutter in einem Kolonialwarenladen. Im Bücherregal standen die Bibel und die Werke von Lenin und Stalin in trauter Eintracht nebeneinander. Pirkko wächst im Osten Helsinkis wohlbehütet von und bei den Großeltern auf. Sie bleibt ein Einzelkind, neugierig und wach. Sehr früh spürt sie, dass sie zum einen anders ist als die anderen Mädchen, sie will ein Junge sein. Zum anderen merkt sie, dass die Werte, die in ihrer Familie gelebt werden, nichts mit der Wertewelt ihrer Umgebung zu tun haben. Das zeigt sich in voller Krassheit, als sich die Familie Mitte der 50er Jahre bewusst dafür entscheidet, nach Kallio zu ziehen, ein Arbeiterviertel, auf dessen Straßen Kleinkriminelle unterwegs sind, Alkoholismus, auch Gewalt, herrscht. Für ein Kind kein einfacher Start ins Leben. Aufmerksam nimmt sie ihr Umfeld wahr.
Saisio erzählt ihre Geschichte fragmentarisch aus der Sicht des kleinen Mädchens. Sie verbindet Fakten und Fiktion frei miteinander und erzählt aus zwei Perspektiven. Dabei wechselt sie ständig zwischen der Ich-Erzählerin und der personalen Erzählweise. Das mag für den Leser zunächst etwas verwirrend sein, verleiht den Schilderungen eine gewisse Spannung und erzeugt eine Distanz, wie Saisio es bei einer Lesung formuliert.
Saisio vermag es, eine berührende kindliche Sichtweise zu beschreiben, wie sie hätte sein können, ohne in übermäßige Sentimentalität abzugleiten. Damit überrascht sie immer wieder aufs Neue.
Dieses Buch steckt voller Träume, Farben und warmem Humor. Es ist tiefgründig und intellektuell. Ein kluges, mutiges Buch in einer überzeugenden Übersetzung von Elina Kritzikat.
Pirkko Saisio: Der kleinste gemeinsame Vielfache. Pienin yhteinen jaettava. Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat. Stuttgart: Klett-Cotta 2024, ISBN 978-3-608-98726-3. 25 Euro
Petra Sauerzapf-Poser
Quelle: Deutsch Finnische Rundschau 203/2024