Niilas Holmberg: Barfuß

(Rezension aus DFR 203/2024)

Dieses Langgedicht stellt sich einer besonderen Herausforderung, nimmt es uns doch mit auf eine innere und äußere Reise des Autors, der der exis­tentiellen Frage nach unserem Verhältnis zu unserer  Erde im wahrsten Sinne des Wortes nachgeht. Vor den Gefahren und Auswirkungen, die Erde weiterhin gewaltsam zu unterwerfen, die samische Heimat des Autors inbegriffen, warnt dieses  Gedicht. Gäbe es ein  Innehalten, ein Ende unseres Handelns? Wie könnten sie aussehen, wessen bedürfte es, worauf hätten  wir uns zu besinnen? Was lohnte sich, wieder entdeckt zu werden für einen möglichen Neuanfang?

Der Autor findet von der ersten Zeile an zu einer intensiven und überzeugen­den poetischen und sinnlichen Sprache; Bilder und Motive tauchen auf, die eine besondere Bedeutung für den Fortgang  der  Erkundung entwickeln. Alles beginnt damit, sich bei der Annäherung an die Erde auf die Füße zu besinnen. Signifikant wird dabei das  Barfußlaufen. Stiefel und Schuhmacher, die für unsere Entfremdung vom Planeten wie von uns selbst stehen, bilden die Antipoden. Der Autor konstatiert: „Selbstverwirklichung und barfußlaufen sind hier nicht gestattet.“ Auch wenn uns klar ist, dass es in den Stiefeln schmerzt und „weiter der fuß eitert“, sind wir „darauf aus / von immer noch bequemeren stiefeln zu hören.“ Die Schnürsenkel, heißt es schließlich, sind „ihrem nahenden tod“ geweiht. Ein Symbol dafür, sich womöglich aus den bestehenden Zwängen lösen zu können. Der Autor stellt sein Verhältnis zur Erde in Frage. Kümmert er sich „ebenso hingebungsvoll / wie um den der sie erläuft“?  Wie sieht es mit uns aus? Dass die tastende Suche nicht einfach ist, dass aber Hoffnung besteht, zeigt sich in diesem  Bild: „Unterm sulzigen schnee die eine beere – sie schmeckt“.

Der Autor bietet ein anspruchsvolles, herausforderndes lyrisches Angebot, das den Leser einlädt, sich auf eine eigene Expedition zu begeben.

Niilas Holmberg: Barfuß. Aus dem Nordsamischen von Christine Schlosser. Illustrationen von Inga-Wiktoria Påve. KLAK Verlag 2023,.144 S. ISBN 978-3-948156-69-5. 15 Euro

Roland Bärwinkel

Quelle: Deutsch Finnische Rundschau 203/2024

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