(Rezension aus DFR 203/2024)
Es gibt Orte, die fühlen sich magisch an – irgendetwas berührt, lässt innehalten, lädt zum Verweilen ein. Und wird, vielleicht, Zuhause. Maria Turtschaninoff beschreibt so einen Ort. Das Gut Nevabacka ist die Konstante ihres Romans. Die Menschen der Familie kommen und gehen, doch Nevabacka und vor allem das Moor bleiben. Wir erfahren, wie Matts im 17. Jahrhundert den ersten Spatenstich setzt. Wie die Bewohner*innen Nevabackas im Lauf der Jahrhunderte mal mit mehr, mal mit weniger Aberglauben den Moorgeistern begegnen, sie mit Opfergaben beruhigen oder sie ganz ignorieren (wollen). Wie die Zeitläufe der europäischen Geschichte auch das abgelegene Gut immer wieder erreichen – Krankheiten wie Typhus beuteln die Familie, Kriege nehmen dem Hof die Männer. Ehen werden mal aus Liebe geschlossen, mal aus Kalkül.
Das besonders faszinierende an der Erzählweise ist, dass es Turtschaninoff gelingt, in jedem Kapitel glaubhaft die Perspektive einer anderen Person einzunehmen. Manchmal überlappen sich die Kapitel zeitlich, es finden Verflechtungen in den Generationen statt, manchmal ist der Sprung etwas größer. Doch das Moor bindet zusammen und je näher wir der Jetztzeit kommen, desto umfangreicher wird die Verflechtung der Geschichten.
Mal sind die Kapitel klare Prosa, mal Briefe, mal Tagebucheinträge, immer aber ist es eine Freude, den Charakteren zu folgen, die der Roman uns so einfühlsam präsentiert.
Nicht alle Menschen, die auf Nevabacka leben, sind vollauf sympathisch, aber das ist nur eine weitere Stärke des Buchs: Es ist lebensnah.
Eine unbedingte Leseempfehlung für alle, die unaufgeregten Familiengeschichten etwas abgewinnen können – Moorhöhe ist eine Liebeserklärung an die finnische Natur, insbesondere das Moor, und gleichzeitig ein tiefes Eintauchen in die Geschichte einer Familie, Europas und der Menschen an sich, die so hart ackern, um sich ein Leben zu bauen.
Maria Turtschaninoff: Moorhöhe (Arvejord). Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann. Kindler 2024. ISBN: 978-3-463-00053-4. 25 Euro
Saskia Geisler
Quelle: Deutsch Finnische Rundschau 203/2024