(Rezension aus DFR 203/2024)
In der Beringsee, irgendwo in den eiskalten Weiten des Nordmeers zwischen Sibirien und Alaska. lebte einst eine besondere Art der Seekuh, die nach ihrem Entdecker benannte Stellersche Seekuh. Während heute noch existierende Arten allesamt in tropischen Gewässern leben, war die Stellersche Seekuh die einzige Art, die im kalten Polarmeer zuhause war.
Der Debutroman der Autorin Iida Turpeinen erzählt die Geschichte ihrer Entdeckung durch den Naturforscher Steller bis hin zu ihrer Ausrottung durch den Menschen aufgrund von Jagd und Eingriffe in ihren sensiblen Lebensraum und die Folgen dieses Handelns bis in die Gegenwart hinein. (Man geht heutzutage davon aus, dass das letzte lebende Exemplar ca. 1768 getötet wurde.)
Die Geschichte der ca. acht Meter langen Seekuh, die ein sanfter Riese war und sich wohl überwiegend von Algen ernährte, fungiert dabei als Vehikel für eine Geschichte vom Umgang des Menschen mit dem Leben an sich. Während das erste Kapitel von Behrings und Stellers Expedition berichtet und einen interessanten Einblick in das Denken der damaligen Zeit gibt, die noch stark von Glauben und Mythologie geprägt waren, handeln die beiden weiteren Kapitel bereits von der verschwundenen Seekuh und den Folgen ihres Aussterbens für Mensch und Umwelt. Anhand des Tieres werden zudem eine Vielzahl weiterer Themen behandelt, wie z. B. der Umgang mit indigenen Völkern in Zeiten der Kolonialisierung, der Umgang mit Frauen in der damaligen Arbeitswelt, Geltungsdrang und Gier. All dies jedoch nicht anklagend, sondern in einem fesselnden, temporeichen Sprachstil geschrieben, der oftmals Unausgesprochenes zwischen den Zeilen erahnen lässt und den Leser auffordert, eine eigene Meinung zum Geschehen zu finden.
Beim Lesen begleitet man die jeweiligen Hauptpersonen auf ihren Expeditionen, in die Labore und Museen und wird auf dieser spannenden Reise immer wieder von interessanten Fakten überrascht, die passend mit der Geschichte verwoben wurden.
Ein Buch, das man gerne liest, weil es auf lebendig erzählende Art Wahrheit und Fiktion vermischt, das lehrreich ist und trotz des tragischen Schicksals der Seekuh etwas von ihrer besonnenen Ruhe in sich trägt und ausstrahlt.
Iida Turpeinen, Das Wesen des Lebens, 316 Seiten, S. Fischer Verlag 2024, aus dem Finnischen von Maximilian Murmann, (Originaltitel: Elolliset, 2024), ISBN: 978-3-10-397630-4. 24 Euro
Daniel Wellinghausen
Quelle: Deutsch Finnische Rundschau 203/2024