Hanna Meretoja: Die Nacht der alten Feuer

(Rezension aus DFR 203/2024)

Die Autorin des so­eben auf Deutsch erschiene­nen Romans Die Nacht der alten Feuer wurde 1977 in Kaarina geboren und lehrt als Professorin an der Universität von Turku Komparatistik und Historisch-narrative Hermeneutik mit Erzähltheorie. Hanna Meretoja hat zwar unter anderem über Nutzen und Mißbrauch von Erzählungen (2023) veröffentlicht, wohl aber ist Die Nacht der alten Feuer ihr Debütroman. Unter dem Originaltitel Elo­tulet (Lebensfeuer) 2022 publiziert, ist der Roman in Finnland hochgelobt worden. Die renommierte Gazette würdigte das außerordentlich„virtuose Romanwerk“ (4.6. 2022).

Die Nacht der alten Feuer ist ein zeitloser Roman, in welchem uns die Autorin inhaltlich zu den menschlichen Urgründen von Liebe, Freundschaften, Leiderfahrungen sowie Vergänglichkeit führen wird. Der Handlungsstrang sprudelt vor spannungsgeladenen Überraschungen und dunklen Geheimnissen: Eine Korona von Freunden hat sich an einem lind milden Augustabend in den finnischen Schären zusammengefunden, um den Sommerabschied zu feiern. Elea, die lebenshungrige Akademikerin, fiebert dem „Lebensfeuerfest“ entgegen. Schlagartig jedoch hat sich eine vollkommen geänderte Situation eingestellt. Der Arzt hatte Elea eröffnet, dass sie an einer unheilbaren Krankheit litt. Jetzt muss Elea gegenüber ihren Gefährten eröffnen: „Vom Tod berührt in einer Zeit, in der sich die Lebenden nicht mehr die Hand geben.“ Eleas Ehemann Otto meint, in Eleas Stimme und Auftreten etwas Zerbrechliches zu spüren. Ob Ottos Gespür vielleicht schon ein Menetekel auf Eleas Krankheit darstellte? „Immer noch unwirklich“ kommt Elea „Veeras Tod, ein halbes Jahr zurück“, vor. Scheinen nicht sämtliche, einst ans Herz gewachsenen Lebensschätze, in der vollständigen Auflösung begriffen?

Mitunter will die Autorin sich in Details verlieren. Zu den am Ende ihres Romans in einer Art Glossar akkurat verzeichneten Schöpfquellen zählt etwa auch ein Werk der von neuem hochaktuellen jüdischen, deutsch-amerikanischen Soziologin Hannah Arendt. Gleichsam den Ausgangspunkt ihres Buches bildet Hanna Meretojas eigens erfahrene, mittlerweile indes geheilte Erkrankung.

In der Tat stellt Die Nacht der alten Feuer ein Buch über die Vergänglichkeit des Lebens dar. Verändert doch das Erzählen über die Krankheit deutlich die Gefühls­lage des „Lebensfeuerfestes“. Mithilfe philosophischer Muster drückt die Verfasserin auf realistische Weise Gefühle und Gedanken aus, die doch schlimme Erkrankungen nächst den Einengungen des Lebens mit sich bringen. Daneben scheinen Pandemien als auch Umwelt­bedrohungen mit Vorahnungen auf neue globale Krisen auf, während das Ableben von Veera wie ein unausgesproche­nes, „böses Malzeichen“ im Bewusstsein aller
lauert: „Die Trauer um Veera mischt sich mit der Trauer um ihre Mutter“, die eine Krankenschwester war. Und Elea gelangt zu einer weiteren Erkenntnis: „Sie hat eine Dunkelheit in sich, von der sie glaubt, dass sie aus irgendeiner Tiefe kommt, aus Ereignissen, die ihr voraus­gegangen sind.“ Die Nacht der alten Feuer ist ein sehr „mutiger Roman“, tatsächlich ist das Werk aber eher eine Art Bekenntnis! Das Buch ist ein wahrer Lesegenuss und lässt Hoffnung, trotz aller Widernisse, aufkommen. Denn in dem Bild der findigen Verfasserin überlebt ja die couragierte Elea, Hanna Meretojas Protagonistin, und obsiegt gleichsam.

Woraus aber resultiert der Buchtitel Die Nacht der alten Feuer wirklich? „Es ist ein Fest des Wassers und des Lichts“, … es „bereitet die Menschen auf die Dunkelheit vor“.

Hanna Meretoja: Die Nacht der alten Feuer. Roman. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Mareverlag, Hamburg 2024. ISBN 978-3-86648-719-2. 440 S., 26 Euro

Dr. Michael Peters

Quelle: Deutsch Finnische Rundschau 203/2024

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