(Rezension aus DFR 203/2024)
Nach Brandmal und Dunkelstrom liegt nun der dritte Krimi um die Journalistin Saana Havas vor. In ihrem neuen Job fühlt sie sich wohl, sie ist frisch verliebt und hat mit ihren beiden Podcasts über wahre Kriminalfälle offenbar einen Nerv getroffen. Da wird ihr auch gleich ein neuer Fall angetragen, ein Cold Case. Vor über 20 Jahren wurde in einem Dorf in Lappland die damals 17-jährige Inga, kurz nachdem sie verschwunden war, tot aufgefunden. Ermordet. Aber die Umstände konnten nie aufgeklärt werden. Die Akten wurden geschlossen und wanderten ins Archiv. Die Schwester des Opfers, der es darum geht, dass Inga nicht vergessen wird, bittet nun Saana um Hilfe. Sie soll Recherchen vor Ort anstellen und in ihrem Podcast über den Mord berichten. Und tatsächlich wird Saana neugierig und macht sich auf den Weg nach Inari. Im Gepäck hat sie die Tagebuchaufzeichnungen ihrer Auftraggeberin, um sich in den Fall einzulesen.
Am Ziel angekommen geht Saana ihre Interviews besonnen an. Sie muss ja den Täter nicht aufspüren und keinen Wettlauf mit der Polizei gewinnen. Sie trifft sich mit den verschiedensten Leuten, von denen sie sich Informationen erhofft. Dazu gehört natürlich zunächst die Familie – Tante und Cousin – des Opfers, die bereitwillig Auskunft erteilt. Da ist die hilfsbereite Anet, die beste Freundin der Toten, die sich mit Saana anfreundet. Sie spricht mit Klassenkameraden und dem Lehrer. Einen verlässlichen Verbündeten findet sie in dem bodenständigen Polizisten Myski. Dieser war damals als Berufsanfänger zwar in die Ermittlungen eingebunden, wurde dann aber aus für ihn nicht nachvollziehbaren Gründen von dem Fall abgezogen. Losgelassen haben ihn die Ereignisse nie. Seine Notizen sollten sich nun, 20 Jahre später, als hilfreich erweisen. Aber da sind auch andere Personen, die Saana argwöhnisch, ja sogar aggressiv, gegenübertreten, die, wie Pyry, Ingas Ex-Freund, etwas zu verbergen haben und denen Saanas Schnüffeleien gar nicht in den Kram passen. Irgendwie haben sie alle ein Motiv und kommen – mal mehr oder weniger – als Verdächtige in Frage. Als sich herauszustellen scheint, dass Myskis Vorgesetzter seinerzeit einige Dinge unter den Teppich gekehrt hat, wird erneut ein junges Mädchen vermisst und ermordet. Und alles kommt wieder hoch: Die Tat weist nämlich deutliche Parallelen zum damaligen Fall auf.
Erzählt wird in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven. Die Handlung ist klug und schlüssig konstruiert. Der Spannungsbogen wird allmählich aufgebaut. So bleibt Zeit und Raum, Saanas privates Umfeld kennenzulernen oder einen Blick in die Vergangenheit der Protagonisten zu werfen. Backman gelingt es nicht nur, lebendige Charaktere zu zeichnen, sondern die Natur in Lappland dicht und atmosphärisch zu beschreiben. Sie nimmt den Leser mit in diese einzigartige Landschaft mit ihren Nordlichtern, in die Polarnacht.
Trotz einiger etwas ungelenk wirkender Stellen liest sich Backmans Polarnacht flüssig. Ein empfehlenswerter, spannender Krimi, der ohne Gemetzel und Blutvergießen auskommt. Übrigens: Alle drei Bände sind in sich abgeschlossene Fälle und können unabhängig voneinander gelesen werden.
Elina Backman: Polarnacht. Ennen kuin tulee pimeää. Aus dem Finnischen von Alena Vogel, München: Piper 2024. ISBN: 978-3-492-06553-5. 18 Euro
Petra Sauerzapf-Poser
Quelle: Deutsch Finnische Rundschau 203/2024