(Rezension aus DFR 203/2024)
Unter dem Titel Mies ja merilehmä (Der Mann und die Seekuh) erschien das nun auf Deutsch vorliegende Buch 2019 in Finnland. Der Titel der Übersetzung nennt den Mann gleich beim Namen: Georg Wilhelm Steller (1709 – 1746). Biologen mögen damit sogleich die nach ihrem Entdecker benannte, längst ausgestorbene Tierart Stellersche Seekuh verbinden. Der deutsche Untertitel Die Opfer einer Forschungsreise – Opfer wohlgemerkt im Plural – verrät noch mehr und fasst zusammen, worum es in dieser Mischung aus Sachbuch und Erzählung geht. Einerseits die abenteuerliche Forschungsreise des weitgehend in Vergessenheit geratenen deutschen Arztes und Biologen, vor allem aber Naturkundlers Steller im Dienst des russischen Zarenreiches, die ihn nach Kamtschatka und die Beringsee führte; andererseits die Opfer der Reise – vom Skorbut dahingeraffte Seeleute, nicht zuletzt Steller selbst, der die Strapazen seiner anstrengenden Unternehmungen 37-jährig mit dem Leben bezahlte, sowie das Artensterben.
Koivisto bringt dieses in ursächlichen Zusammenhang mit dem menschlichen Forscherdrang und der damit einhergehenden wirtschaftlichen Ausbeutung der Natur. Ihre Analyse macht das Buch so aktuell und lädt zum kritischen Nachdenken über unseren Umgang mit der Natur ein.
Dabei steht zunächst aber die Schilderung der Forschungsreise von 1741 im Vordergrund, die die Leser gespannt miterleben, insbesondere der Schiffbruch, den die St. Peter im November jenes Jahres erlebte und die Mannschaft für viele Monate auf die unbewohnte, heute Bering-Insel genannte Insel spülte. Auf dieser größten der Kommandeur-Inseln starben Vitus Bering und weitere 18 Besatzungsmitglieder. Der verbleibende Rest der Mannschaft kämpfte ums Überleben, wobei sich Steller besonders verdient machte. Dieses Kapitel fesselt ganz besonders und führt uns eindrücklich die harten, lebensgefährlichen Bedingungen früherer Forschungsreisen vor Augen.
Doch trotz aller Widrigkeiten ging Steller seinem Forscherdrang nach. Koivisto zitiert aus Stellers Aufzeichnungen: „Jeden Tag während der zehn Monate auf unserem unglücklichen Abenteuer hatte ich die Gelegenheit, von der Tür meiner Hütte aus die Lebensart dieser Tiere zu erforschen.“ Gemeint ist die Seekuh, die er beschrieb, vermaß und auf Zeichnungen festhielt.
Trotz einiger sprachlicher Unstimmigkeiten, die durch ein sorgfältigeres Lektorat hätten vermieden werden können – absolut lesenswert! Und wer bisher das Helsinkier Naturkundemuseum noch nicht besucht hat, wird sich dies nach der Lektüre dieses Buches garantiert vornehmen. Dort befindet sich das vollständigste Skelett dieses Tieres, das acht Meter lang und zehn Tonnen schwer werden konnte – und kaum drei Jahrzehnte nach seiner Entdeckung bereits ausgerottet war.
Aura Koivisto: Georg Wilhelm Steller. Die Opfer einer Forschungsreise (Mies ja merilehmä. Luonnontutkija Georg Wilhelm Stellerin kohtalokas tutkimusmatka) Aus dem Finnischen von Marleen Hawkins. 310 Seiten, Kohlhammer 2024, ISBN 978-3-17-042654-2. 33 Euro
Siegfried Breiter
Quelle: Deutsch Finnische Rundschau 203/2024